Mikrowürmchen, Panagrellus redivivus

 fun fact: "Der Artikel „Panagrellus redivivus“ existiert in der deutschsprachigen Wikipedia nicht." soweit Wikipedia

Mikrowürmchen werden bisweilen auch  Mikrowürmer oder Mikroälchen genannt und zählen zum großen Stamm der Nematoden (Fadenwürmer). 

Wegen seinem Vorkommen in ständig feuchten Filzbiermatten wird er im englischen Sprachraum auch Bierdeckel-Nematode genannt. Es handelt sich um einen kleinen Spulwurm, der als erstes Futter für frisch geschlüpfte Fische größere Arten sehr geeignet ist.


Früher & heute

Auch hier habe ich viel ausprobiert. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach. Substrat, Feuchtigkeit, Temperatur & Futter - das alles in den richtigen Parametern und fertig ist eine florierende Zucht. Wenn es das doch wäre. Angefangen habe ich mit vielen kleinen 500 Gramm Salatbechern. Das ging eine Weile gut bis ich, fast über Nacht, anstelle der beabsichtigten Futtertiere nur noch Milben in der Dose hatte. Alle Versuche diese Plagegeister wieder loszuwerden scheiterten. Effektiv bei ihrer Vernichtung war nur die Mikrowelle. Allerdings war das Ergebnis dann ein völlig lebloses Substrat. 

Nun werden Milben z.B. von meinen jungen "Tinctorius" gefressen. Deswegen bin ich aber nie auf die Idee gekommen Milben weiter zu vermehren. Man hat doch irgendwie ein ungutes Gefühl bei diesen Tierchen. Also bin ich wieder von den kleinen Döschen weggekommen und verwendete nun größere Behälter.

Jetzt kamen ausgedienten 10 Liter Fischfutter-Eimern zum Einsatz. Abgedeckt waren sie mit dem dazu gehörigen Deckel in dem mittig ein ca. vier Zentimeter großes Lüftungsloch saß. Zeitweise standen bis zu 15 dieser Eimer im Keller. Irgendwann wurde der Platz jedoch für andere Dinge benötigt.


Der Autor auf der Suche nach Springschwänzen, Febr. 2010, Iquitos-Region, Peru.  Foto: T. Eisenberg


Es soll rund 50.000 Collembolen-Arten auf der Erde geben, die in den unterschiedlichsten Bodenschichten leben und daher auch von vollkommen unterschiedlicher Gestalt sein können. Nicht alle Collembolen sind lang, dünn, weiß und haben eine sichtbare Springgabel. Es gibt auch kugelige, orangefarbene, lilafarbene, welche mit großen, mittleren, kleinen oder gar nicht mehr vorhandenen Springgabeln, große, kleine, winzige Arten ...

Mit der Zeit habe ich mich an verschiedenen Arten versucht. Mehrere tropische und die bekannte einheimische, weiße Art habe ich ausprobiert. Auch eine recht große Art die ich im Klärwerk unserer Firma entdeckt habe, wurde mit nach Hause genommen. Alle Versuche, diese anderen Arten dauerhaft zu kultivieren, sind auf Dauer leider fehlgeschlagen. Trotzdem sollten hier weitere Versuche durchgeführt werden, da es auch in unseren heimischen Gefilden viele verschiedene Arten gibt, die dabei Endgrößen von 0,2 - 10 Millimeter erreichen. Hier tut sich also ein weites Betätigungsfeld auf. Im Urwald von Peru habe ich im Komposthaufen der indigenen Familie nach Asseln und Springschwänzen gesucht. Fragende, irritierte Blicke muss man dann einfach mal ignorieren.

Zurzeit züchte ich  zwei verschiedene, tropische Arten.  Diese sitzen alle  in 1-Liter Schalen, die in der Terraristik weit verbreitet sind. Zeitweise standen bis zu 100 Dosen davon in meinen Terrarienräumen. Die Temperatur beträgt hier zwischen 20 und 25 Grad. Meine Dosen haben keine extra Flächen zur Belüftung. Der Luftaustausch erfolgt lediglich beim regelmäßigen Füttern der Zuchten.


ein paar meiner Springschwänze


  • Seramis

  • Holzkohle

  • Seramis für Orchideen

  • Baumwoll Einstreu

  • Lava

  • Kokosfaser

  • Flake Soil & Kokos

Substrat

Viele Substrate sind für die Zucht der Springschwänze geeignet. Aber neben dem Untergrund, beeinflussen auch viele andere Parameter, wie Behältergröße, Temperatur, Futter oder Feuchtigkeit, den Erfolg oder Misserfolg einer Zucht. Man muss hier ein wenig ausprobieren.

Lange Zeit habe ich meine Springschwänze, sehr erfolgreich, auf Baumwoll-Einstreu für Terrarien angesetzt. Das trockene Material wurde einen Tag lang durchfeuchtet und dann in die Dosen gefüllt. Diese Streu ist sehr locker und bietet eine sehr große Oberfläche. Irgendwann brachen meine Zuchten jedoch komplett ein ohne das ich dafür eine Ursache ausmachen konnte. Also mussten wieder neue Sachen getestet werden.

Danach probierte ich Blähton, Lava und Holzkohle aus. Auf all diesen Substraten konnte ich meine Springschwänze am Leben erhalten, eine richtig ergiebige Vermehrung erfolgte allerdings nicht. Verbesserung erreichte ich erst als ich Kokosfasern verwendete. Zurzeit experimentiere ich mit dem, von einigen Experten als Wundermittel in der Springschwanzzucht gepriesenem, Seramis.

Daneben führe ich auch Versuche mit Flake Soil durch. Auf dieses Substrat bin ich beim Besuch eines Asselzüchters gekommen.

Kokosfasern

Laut Wikipedia "2018 wurden laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO weltweit etwa 61,9 Mio. t Kokosnüsse geerntet." Hauptproduzent ist Sri Lanka und der Einsatzbereich ist riesig. Kokosfasern werden u.A. im Fahrzeugbau, als Matratzenfüllung, und zur Wärmedämmung eingesetzt.

Dieses torffreie Material wird für unsere Zwecke in gepresster Form als Ziegel angeboten.  Hauptsächlich zum Einsatz als Blumenerde aber auch für die Terraristik. Das Angebot dazu im Internet ist riesig. Man kann es aber auch in diversen Gartenmärkten erwerben. Aus einer Ziegel bekommt man laut Hersteller ~9 Liter Kokosfasern wenn es mit Wasser versetzt wird. 

Ich fülle meine Dosen 2-3 cm hoch mit leicht feuchten Kokosfasern. Es nimmt gut Wasser an, verklumpt nicht, verrottet extrem langsam und lässt sich leicht mit einem Stäbchen auflockern. 

Seramis

Im Internet las ich vor einiger Zeit zum ersten Mal über die Verwendung von Seramis zur Zucht der Springschwänze. Laut Hersteller ist es ein:

  • Kultursubstrat unter Verwendung von Ton. Enthält wenig organische Substanz.
  • pH-Wert (CaCl2)  5,7
  • Ausgangsstoffe 100 % Rohton
  • Pflanzenverfügbare (lösliche) Nährstoffe K2O Kalium (CAL)  135 mg/l

Für meine Zwecke kommt es zu "dreckig" aus der Tüte, sodass es zunächst ordentlich durchgespült werden muss. Es kommt sehr viel orangener Tonschlamm heraus. Das gewaschene Granulat kommt in einer Schichthöhe von 2-3 cm in die Schalen. Ist das Material erschöpft, lässt es sich mit einer gründlichen Spülung recyclen und wieder verwenden.

Seramis für Orchideen

Hat man einmal Seramis ausprobiert, kommt man folgerichtig auf das nächste Produkt dieser Firma. Angaben des Herstellers:

  • Kultursubstrat unter Verwendung von pflanzlichen Stoffen aus der Forstwirtschaft und Ton
  • pH-Wert (CaCl2) 5,6 organische Substanz 36 % (FM)
  • Ausgangsstoffe Pflanzliche Stoffe aus der Forstwirtschaft (70 %), Rohton, Kalkdünger aus der Gewinnung oder Verarbeitung von Kalkstein oder Dolomit.
  • Pflanzenverfügbare (lösliche) Nährstoffe
    K2O Kalium (CAL) 120 mg/l
    Mg Magnesium (CaCl2) 50 mg/l

Dieses Seramis besteht aus größeren Tonstückchen und Holz- bzw. Rindenstückchen. Dadurch ist die Oberfläche die den Springschwänzen zur Verfügung steht insgesamt etwas größer.

Flake Soil

⁣⁣ fun fact:

"Der Artikel „Flake Soil“ existiert in der deutschsprachigen Wikipedia nicht." Stand Juli 2024

Auch wenn Wikipedia diesen Begriff nicht im Deutschen deuten kann, gibt es dieses Substrat auch bei uns seit nunmehr einigen Jahren. Der Name Flake Soil stammt aus dem Englischen und bedeutet Flocken-Erde/Boden. Es ist ein künstlich fermentierter Bodengrund der, ursprünglich für wirbellose Tiere aller Art gedacht war. Der Ursprung dieses Substrates liegt in der japanischen Käferzucht. Mittlerweile gibt es viele verschiedene Arten von Flake Soil.

  • enthält u.a.: Rohprotein, Rohfaser, Rohasche
  • es gibt mittlerweile verschiedene Rezepte zur Flake Soil Herstellung
  • das Ausgangsmaterial besteht meist zu ca. 90 % aus Eiche und Buche

Da das reine Flake Soil mit der Zeit austrocknet, muss es bei Bedarf nachgefeuchtet werden.  In meinen Zuchten mische ich es mit Kokosfasern im Verhältnis von 1:1.

Futter für Springschwänze

Springschwänze brauchen hochwertiges Futter. So kommt es, dass man sich jetzt auch mit Futter für das Futter beschäftigen muss. Wichtig ist, dass unser Futter sehr fein gemahlen sein muss. Mit einem Küchenmixer zerhacke ich die Zutaten, welche bei Bedarf anschließend noch ausgesiebt werden. Das ist immer wieder ein freudiges Ereignis für die gesamte Familie. Das feine Pulver reizt die Atemwege und die Küche sieht hinterher aus wie Sau. Aber was sein muss, muss sein.

Über die Jahre habe ich viele Sachen ausprobiert. Bei jedem Einkauf bei Edeka & Co lande ich wie fremdgesteuert irgendwann in dem Regal, wo die verschiedensten Mehle oder Bio-Artikel angeboten werden. So habe ich über die Jahre viele Sachen ausprobiert. Hier eine kleine Auswahl in alphabetischer Reihenfolge.

Buchweizenmehl, Copra (Kokosnuss), Champignons (getrocknet), Dinkelmehl, Erbsen, Kakao, Kartoffelmehl, Kichererbsenmehl, Kokosmehl, Maismehl, Weizenmehl ... 

Wichtig ist das "Viel hilft viel" hier völlig fehl am Platz ist. Auch Zeitangaben wie "jeden zweiten Tag füttern" kann in die Irre führen. Darum sollte man immer erst neues Futter geben, wenn alles restlos gefressen wurde. Damit fährt man sicherlich am besten.

Noch ein Tipp, wenn man ein paar Tage nicht da ist, sind dünne Scheiben von frischen Champignons ein ideales Futter zum Überbrücken dieser Zeit. Sicher geht die Population auch nach etlichen Tagen ohne Futtergabe nicht zu Grunde. Die reichliche Vermehrung die wir anstreben, wird dadurch schon negativ beeinflusst.

Rezept

Zurzeit mische ich die folgenden Grundstoffe für mein Springschwanz-Futter zusammen.

Menge
Zutat



170 g
Kartoffelpüree (2 Packungen)
​170 g
Kichererbsenmehl
170 g

Orlux Lori
50 g
Paprika edelsüß
10 g
Bierhefe


Alles ist im Fluss und so wird dieses Rezept sicherlich nicht die letzte Version sein. Aber die Tierchen fressen diese Mischung restlos auf, sofern man maßvoll füttert.


 ⁣ fun fact: In "Kleine Futterkunde für den Aquarienfreund" aus dem Jahr 1965 steht z.B.: "...Zum Gewinnen eines Zuchtansatzes entnimmt man sie am besten aus dem Laub. Es wird in einen Trichter gefüllt, darüber eine starke Glühbirne gehängt. Die Tiere entziehen sich dem Licht, indem sie nach unten streben und in ein bereitgestelltes Glas fallen."

Also dann mal los, auf in den Wald und Laub geholt. Einfacher kommt man nicht zu neuen Springschwänzen.

Literatur


  • ANOMYM (2009) in BriBri - The Froggers Journal, Herausgeber Benjamin Schwarz + Michael Kronenberg, diverse Autoren, Zucht einheimischer Springschwänze, S. 88-91
  • BRUSE Frank; Dr. MEYER Michael; SCHMIDT Wolfgang (2003, 2008): Praxis Ratgeber Futtertiere; Artenteil - Springschwänze: S. 49 - 54
  • CHRISTMANN, Siegfried (2004): Dendrobatidae - Baumsteigerfrösche - Die phantastische Reise durch Ecuador - Peru - Kolumbien, Band 3, S. 317
  • DIVOSSEN Harald (2006): Erfahrungen mit kleinen Pfeilgiftfröschen - Wiesenplankton, S. 30-33
  • DIVOSSEN Harald (2002): Faszination Pfeilgiftfrösche - Journal 2002, Die Springschwanzzucht, S. 54-57
  • DOST Uwe (2010): Springschwänze, wertvolles Futter für Aquarienfische und Amphibien, DATZ 06/2010, S. 14-17
  • FRIEDERICH Ursula, VOLLAND Werner (1981, 2005): Futtertierzuchten - Lebendfutter für Vivarientiere, 4., aktualisierte Auflage, Verlag Eugen Ulmer KG, Stuttgart, S. 65 - 70
  • HORN Heinz (1965): Kleine Futterkunde für den Aquarienfreund, URANIA-VERLAG Leipzig Jena Berlin, S. 129-131
  • LÖTTERS Stefan; JUNGFER Karl-Heinz; HENKEL Friedrich Wilhelm; SCHMIDT Wolfgang: Pfeilgiftfrösche. Biologie, Haltung, Arten  Frankfurt am Main (2007) Edition Chimaira: Springschwänze S.229-230
  • SCHÄFFER ⁣Thomas (1998): Springschwänze aus dem Schubfach , Reptilia Nr. 10, Aril 1998, S. 56-59
  • OTT G. (1999): Kleine Anflugnahrung: Springschwänzchen (Collembola), DATZ 02/1999, DATZ Praxis, S. 6-8